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Falscher Nachweis...

Eben haben wir das halbe Jahrhundert der gesellschaftlichen Tauphase über frühere konservative Wertesysteme gefeiert. Der überraschende Rückblick zeigt, wie relativ die Geländegewinne waren. Sich von Verhaltenskonventionen auf allen Ebenen zu befreien hat uns vorangetrieben, wir haben geglaubt daran, endlich die historischen Wurzeln politischer Divergenzen, von Ungerechtigkeit und Ungleichheit zu überwinden in einer entschlossenen globalen Solidaritätsbewegung, mit persönlicher Erfüllung und dem Abbau aller konventionellen Barrieren. Es war die Zeit gekommen, die Unehrlichkeit des interventionistischen kapitalistischen Systems unter dem Vorwand der Friedensförderung zu entlarven, die Ambiguität hinter der politischen Korrektheit und dem knallharten Business aufzudecken und den hypokritischen Graben zwischen familiärer Harmonie und gesellschaftlicher Gier und Eifersucht beim Namen zu nennen. Feinde waren die, die Grenzen setzen zwischen gut und schlecht, ehrlich und hinterlistig, mächtig und arm, schwarz oder weiss. Wir verlangten nach einer farbigen Welt, grenzenlos, ohne moralische Prediger über richtig und falsch. In gewissem Sinne entwickelte sich die 68er-Generation dazu, Meister ihrer eigenen Wertesysteme zu werden, gegen alle Widerstände, Gesetze oder Reglemente.

Unter völlig unvergleichbaren Umständen passiert heute etwas Ähnliches in der globalen politischen Arena. Populistische Führerfiguren manipulieren sich an die Macht und beginnen, die weltweit konsolidierten Wertesysteme systematisch neu zu definieren. Sie argumentieren für ihre eigenen Interessen, nicht jene der Nationen die sie regieren, sie verzerren die Geschichtsschreibung und verdrehen faktuelle Realität in geschichten-gestützte politische Unterhaltung. Was zählt ist nicht die Lösung von sozialen oder wirtschaftlichen Problemen, sondern das nackte narzisstische Eigeninteresse, bewirtschaftet durch eloquente Demagogie vom feinsten.

Können wir etwas lernen davon für die Evaluation? Gemeinsam mit der Gilde der Recherchier-Journalisten, Akademikern und dem weiten Spektrum von intellektuell ehrlichen Akteuren teilen wir eine Herausforderung. Die Angst, den Boden der evidenz-gestützten Rationalität zu verlieren, der Stärke, mit soliden Beispielen aus der Praxis die Überzeugungskraft von Argumenten zu stützen, ja die rationale Argumentation als solche als Kernwert zu verlieren. Nimm dem Bäcker das Mehl weg, wie soll er dann noch Brötchen backen? In welcher Funktion auch immer wir engagiert sind, gilt es, das Fundament der Evaluationskultur der evidenz-basierten Analyse gegen die Hydra des dekadenten Populismus um uns herum zu stärken. Ich hoffe ihr seid alle dabei!

 
                                                                        Martin Sommer
                                                                        Geschäftsleiter devolutions GmbH